So denke ich. So bin ich

1te Kapitel. Meine Reise von Ortenburg nach Lindau (Ortenburg-Bad Birnbach)

von Sonja Hupperich | 04. Oktober 2021

Mein Traum und die mentale Vorbereitung – zwei Wochen vor dem Start

Ich hatte die Werbetrommel gerührt. Bewusst.

Ich hatte mir in den Kopf gesetzt 350 km von Ortenburg (Niederbayern) nach Lindau an den Bodensee zu fahren. Mit dem Lastenrad. Ein holländisches Fabrikat, das ich letztes Jahr extra für unsere Hunde gekauft hatte. Wenn ich Rad fuhr, dann sollten die Hunde auch etwas davon haben. Tolle Umgebung, neues Schnuppergefühl und das Beisammensein mit meinem Mann und mir. Tagesausflüge, die wir mit Paul und Guido genießen wollten. Als ich dieses Fahrrad mit „leichtem“ Akku, wohl wissend aus Holland, also ein Land ohne Hügel das erste Mal mit unseren Hunden ausprobierte, war ich total euphorisch und riss direkt bei der ersten Probefahrt fünf Kilometer ab. Paul unser großer Wuschel, Marke Briard, war von der Idee nicht wirklich begeistert. Guido, der kleine Yorkshire stellte sich sofort auf die Hinterbeine, legte die Vorderpfoten auf die Kante, um über die Kisten zu schauen. Neugierig betrachtete er die Umgebung mit „Fahrtwind“ im Gesicht und fand das cool. Ich merkte nach drei Kilometern, dass das Gewicht von Paul (immerhin fast 40 kg) meine Strampelkünste überforderte. Auf dem Rückweg, den Berg hoch, schaukelte ich die Kiste so arg hin und her, dass Paul einen Hechelkasper bekam. In diesem Moment war ich mit mir und meiner nicht vorhandenen Kraft so beschäftigt, dass ich nicht merkte, dass Paul vor Angst in die Kiste gekackt hatte. Erst beim Ausladen der Hunde sprang mir das Dilemma in die Nase und in die Augen.

An diesem Tag habe ich das Lastenfahrrad erst einmal an Acta gelegt und ein Jahr nicht mehr beachtet.

Meine Kiste.

Im Juli hatte ich einen Traum………….

Tatsächlich wachte ich eines Morgens auf und wusste, dass ich mich in naher Zukunft auf eine Reise begeben werde. Keine Ahnung, was mich ab diesem Zeitpunkt geritten hat. Der Gedanke, mich auf den Weg nach Lindau zu machen ließ mich nicht mehr los. Ich hatte meine Kindheit im Allgäu verbracht. In Wangen im Allgäu. Ich bin dort zur Schule gegangen und es war die schönste Zeit, an die ich mich im Kindesalter erinnern kann. Bis meine Eltern beschlossen nach Nordrheinwestfalen zu ziehen. Großstadtgrenze. Aus der Traum von saftigen Wiesen, Blumenkränzchen, barfuß im Bach, zwei-Meter-Schnee-Winter, Rodeln, Ski-fahren, nur draußen spielen, Berge, Kartoffelferien, Fahrrad fahren, schwimmen im See, wandern und alle Zeit glücklich sein! Mich hatte keiner gefragt. Mit einem Schlag war meine sorglose Kindheit vorbei.

Dann fiel mir meine Kiste ein, die seit letztem Jahr unangetastet und verwaist unterm Carport stand. Das war am 15. Juli 2021. Plötzlich war mir klar, wie ich dieses Vorhaben umsetzen würde. Innerhalb von ein paar Minuten hatte sich dieser verrückte Gedanke so in mein Hirn eingebrannt, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte. Mein Entschluss stand fest. Ab ins Allgäu. Ab nach Isny, Wangen und Lindau. Mit meiner Kiste!

Als Erstes fing ich an, die „Werbetrommel“ zu rühren. Ohne mir ansatzweise einen Plan gemacht zu haben, verkündete ich großspurig in meinen sozialen Netzwerken und über WhatsApp, dass ich eine Reise von 350 km mit meinem Lastenrad machen würde. Mein Termin stünde schon fest. Abfahrt 01. August 2021. Natürlich war mir klar, dass ich nicht ein ganzes Jahr unterwegs sein wollte und verkündete außerdem, dass ich die Strecke in 10 Tagen schaffen würde. Ohne Training, ohne Plan und ohne darüber nachzudenken, was mein Mann oder diverse Freunde und Bekannte davon halten würden…….

Organisation ist alles! –  Eine Woche vor dem Start

Auf den letzten Drücker und mit viel Diskussionen seitens meines Mannes, fing ich an meine Liste zusammenzustellen. Eine „was brauch ich Liste“. In Facebook hatte ich in diversen Gruppen mein Vorhaben geschildert und bekam unfassbar viel positives Feedback. Einige von ihnen sind ambitionierte Radler/innen, die mir richtig gute Tipps zukommen ließen. Nach zwei Tagen hatte ich den visuellen „Koffer“ gepackt.

So tolle Mädels! Facebook-Tipps

Jetzt ging es ans Shoppen. Natürlich online! Ich bestellte nur Dinge, die ich innerhalb von zwei Tagen vor meiner Tür liegen hatte. Das Ein-Mann-Zelt hatte ich im Garten in 10 Minuten aufgebaut und in 15 Minuten wieder zusammengerollt. Super! Ich bin so gut! Der Schlafsack, der einen Tag später kam, wurde sofort von unseren Katzen und Hunden in Beschlag genommen. Schön weich und richtig kuschelig warm. Mit diesem Sack konnte ich wohl kaum frieren. Am selben Tag flog auch die Luftmatratze ein. Durch die Waben, die sich bildeten, wenn man gerade mal 15 Luftzüge in dieses Teil hineinpustete, fand ich optimal. Ich brauchte auf jeden Fall keine Luftpumpe. Meine Lungen gaben den Sauerstoff locker her. Bequemlichkeit stellte ich mir zwar etwas anders vor, aber ich beruhigte mich damit, dass ich eigentlich „überall“ schlafen könnte. Murmeltier-Schlaf. Eine Freundin vermachte mir noch eine Isomatte, damit ich nicht die Kälte, die vom Boden heraufkroch, spüren würde. Im Sommer?!

Für mich war ganz klar, dass ich mit meinem Ein-Mann-Zelt jederzeit einen Platz auf dem Campingplatz ergattern würde. Trotz Corona und Ferienzeit. Zwar hatte die Regierung uns Mitbürgern ans Herz gelegt, dieses Jahr in unserer Heimat Urlaub zu machen, da die Inzidenzen in verschiedenen anderen Ländern extrem hoch waren, aber ich glaubte, dass sich die meisten Urlauber doch lieber auf die Reise nach Italien, Österreich, Spanien, Rumänien, Ungarn etc. machen würden. Als Kind liebte ich Camping. Meine Eltern fuhren mit uns jedes Jahr im Sommer an die italienische Adria. Von Wangen nach Bibione war es damals ein Katzensprung, jedoch anstrengender als heute. Die Autos fuhren noch nicht so schnell, die Autobahnen waren nicht wirklich ausgebaut und Tankstellen gab es auch nicht an jeder Ecke. Außerdem hatten wir von einer „Klimaanlage“ im Auto noch nie etwas gehört. Die Sommer früher waren echt heiß! Wir hatten es überlebt!

Genau wegen dieser Erfahrung, war ich mir absolut sicher, dass die Idee zu Campen genial war!

Ich brauche ja noch viel mehr!!! – vier Tage vor dem Start

„Wolltest du die Route nicht mal planen?“, fragte mich mein Mann vier Tage vor dem Start meiner Kisten-Tour. Immer mit einem „komischen Blick“ im Gesicht. Da hatte er nicht mit meiner Klugheit gerechnet. Er war er derjenige, der mich, seit ich den Entschluss gefasst hatte, jeden Tag aufs Äußerste reizte. „Weißt du eigentlich, was dir da alles passieren kann???!!!“ Stille. Mein Hirn dachte nach. Was kann mir denn passieren? fragte ich mich und bestellte von einer Synapse folgende Antwort: Nix. „Du könntest vergewaltigt werden!“ „Ich werde nicht vergewaltigt! Wer um Himmels willen sollte mich vergewaltigen? So ne alte Schachtel wie mich?“ „Du könntest überfallen werden und ausgeraubt werden! Ein Unfall! Stell dir das mal vor! Und keiner findet dich in der Wildnis, weil jemand Fahrerflucht begeht! Oder du findest keine Unterkunft!? Was machst du denn dann?“ „Wild campen.“ Antwortete ich bockig. „Das kannst du doch nicht machen! Wenn dich beim Wild campen einer entdeckt, kriegst du Riesenärger oder die Wildschweine fressen dich auf!!!!!“ Diese Befürchtungen und Schwarzseherei waren für mich Kinkerlitzchen. Unrealistisch. Aus den Haaren herbeigezogen, um mich von meiner Traumreise abzuhalten, damit er nicht alleine zu Hause sitzen musste!

Dass er sich wirklich Sorgen machte, kam mir nicht in den Sinn.

Auf jeden Fall lagen die bestellten Landkarten ausgebreitet auf dem Boden meines Büros. Mit orangenem Marker und einem Lineal hatte ich die Strecke von Ortenburg nach Lindau auf der Karte eingezeichnet. Luftlinie. Orangefarben malte ich zusätzlich einen dicken Kringel um jede Stadt, die ich nach 40 km anpeilen würde. Eine Arbeit von zwei Stunden. Schließlich wusste ich ja wohin ich wollte. Vorher hatte ich mich noch auf der Homepage meines Fahrradlieferanten informiert, wie lange mein Akku halten würde. War ja wichtig. Der Beschreibung nach sollte die Stromversorgung für 60 km oder sogar 80 km reichen. Ich fühlte mich auf der sicheren Seite. Wenn ich jeden Tag 40 km von Ort zu Ort fahren würde, würde ich Lindau total gechillt in 10 Tagen erreichen. Cool.

rosa Linien und Kreise

Was brauchte ich noch? Klamotten, Duschzeug, Haarutensilien, Regenmantel, Gummistiefel (Es ist Sommer! Und ich bin ein Glückskind! Es wird nicht regnen!) Flickzeug, Luftpumpe und Wasser. Viel Wasser. Diesen ganzen Klimbim suchte ich zu Hause zusammen. Das war nicht schwer. Flickzeug hatten wir eh immer parat, da unsere Kinder früher in regelmäßigen Abständen mit einem Platten bei uns aufschlugen. Luftpumpe ist von daher auch Standard. Gummistiefel und Friesennerz gehört sowieso zur Grundausstattung, wenn ich im Regen mit den Hunden spazieren gehe. Alles andere ist logischerweise in jedem Haushalt zu finden. Als Fahrrad-Outfit wählte ich meine alten Jogging-Klamotten, die seit Jahren im Schrank vergammelten. Früher, also noch vor 10 Jahren, bin ich Marathon gelaufen. Das kam mir jetzt zugute. Diese Fitnessteile sind nicht mehr Up to date und chic, aber brauchbar. Die unvermeidbaren Dinge waren zusammengelegt! Sie lagen gestapelt auf meinem Bett. „Steck ich sie jetzt in eine Jutetasche und lege sie mit in die Kiste?“ Ich fing an, ein bisschen zu grübeln. Die Dinge, die ich täglich brauchte, sollten auch sinnvoll verpackt sein, dachte ich. Rein organisatorisch. Eine Satteltasche musste her! Und zwar flotti karotti. Also bestellte ich ganz schnell online eine Satteltasche in Rot/Schwarz. Rot fand ich gut, damit man mich besser sehen könnte. Seitentaschen, die man einhaken kann und oben auf dem Gepäckträger ein Rucksack, der mit den Seiten verklickt wurde und so einen besseren Halt bekam bzw. nicht vom Gepäckträger rutschen konnte. Natürlich sorgte ich dafür, dass meine Taschen spätestens in zwei Tagen bei mir eintrafen.

Ich saß noch einige Stunden vor dem Online-Shop, als ich die Satteltasche bestellte. Mir fielen immer mehr Dinge ein, die für eine Tour von über einer Woche notwendig waren. Die Clicks flogen von „Routenplaner Online“ über „Apps“ hin zu „Meine Erfahrungen“, die routinierten Fahrradfahrer hinter sich hatten. Mir wurde ein bischen schwindelig. Brauchte ich tatsächlich eine Powerbank? Wollte ich mein Handy wirklich an dem Lenker befestigen? Ich hatte doch wasserfeste Landkarten bestellt! Diese würde ich einfach in eine Klarsichtfolie stecken und händisch die ganze Reise wuppen. Das war früher auch so. Z.B. auf der Urlaubs-Reise nach Bibione. Als meine Mutter immer die Karte in der Hand hielt und meinen Vater navigierte. Dass es dann jedes Mal riesen Zoff gab in unseren kleinen Auto-Zelle, darüber reden wir jetzt besser nicht.

Bevor es mir an irgendetwas fehlte, bestellte ich mit einer Lieferzeit von heute auf morgen eine Powerbank, einen Handyhalter incl. Teleskop und eine geniale Bimmel. Ich wollte auf keinen Fall auf dem „Schlauch“ stehen. Freunde von uns, Christian und Lydia, besorgten sich letztes Jahr Elektroräder. Die beiden hatten schon einige Touren hinter sich gebracht und die neu errungene Freiheit wird fast jedes Wochenende zelebriert. Von den beiden hatte ich auch den Tipp, mir eine App herunterzuladen. Mit komoot hatten sie bisher gute Erfahrungen gemacht. Wunderschöne Touren werden aufgezeichnet, an andere Radfahrer weitergebeben und mit herrlichen Bildern untermalt. Also lud ich mir die App herunter. Damit befassen wollte ich mich aber nicht wirklich. Mittlerweile wurde mir die „Vorbereitung“ aller Dinge ein bisschen zu viel.

Also schloss ich den Vorgang „Shopping“ ab und wartete gespannt auf meine braunen Päckchen, die morgen bei mir eintreffen würden.

Der 1te August ist endlich da! – Startklar?

„Morgen wird das Wetter scheiße!“, erklärte mir mein Mann gestern. Er ist derjenige, der jeden Tag auf die Wetter-App schaut und unbedingt wissen muss, wie das Wetter mindestens die nächsten fünf Tage wird. Oder sogar die folgenden zwei Wochen. Ich selbst halte nichts davon, da ich irgendwann gehört hatte, dass ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien das Wetter auf der ganzen Welt von heute auf morgen verändern könnte. Außerdem verließ ich mich meistens auf meinen Kopf. Der hatte beschlossen, mir eine Migräne zu schicken, wenn es Fön, Gewitter oder einen Temperatursturz gab. Blöderweise hatte mein Hirn keine Rücksicht auf das heutige Wetter genommen. Keine negative Info.Warum auch immer?

Draußen regenete es Bindfäden. Der Himmel wolkenverhangen. Die Temperatur 16 Grad. Aua!

„Willst du heute wirklich fahren? Bei dem Wetter holst du dir den Tod!“ Eindringlicher hätte mein Schatz es nicht sagen können. Gestern hatte ich riesigen Spaß daran meine „Kiste“ zu beladen. Mein Sohn hatte das „Handy-Teil“ an meinen Lenker montiert und mir erklärt, wie es zu händeln sei. Meine Superbimmel versprühte gute Laune. Die „Powerbank“ hing zwölf Stunden an der Steckdose, mein Akku fürs Fahrrad mit einer Zeitschaltuhr saugte gierig den Strom. Hugo, mein Techniker des Vertrauens, hatte mir vor zwei Wochen erklärt, wie man ein Fahrrad Akku aufladen solle. Nicht schnell schnell, sondern in stündlichen Abständen von ca. zwei Stunden. Ansonsten würde der Strom im Akku nicht gleichmäßig verteilt und die „Kraft“ würde sich nur teilweise und mit nicht voller Kapazität entladen. Dies wäre bei Steigung der wichtigste Faktor. Ich vertraue ihm. Schließlich ist er mein persönlicher „Daniel Düsentrieb“. Er hat vor vielen Jahren in vier Jahren eine Ape umgebaut. Mit Elektromotor eines Schiffes. Mit dieser Ape fährt er seit Jahren in unserem Ort herum und sorgt immer wieder für Aufsehen.

Die Klamotten waren in die Fahrradtaschen gepackt. Zahncreme und Bürste verstaut. Campingausstattung zusammengerollt in der Kiste. Wasserflaschen und Flickzeug ebenfalls. Karten in eine Klarsichtfolie geschoben und mit einem Schnürchen am Lenker befestigt. Komoot-App halbherzig eingestellt. Handyakku war aufgeladen. Powerbank lag schon vorsorglich auf meiner Kisten-Abdeckung. Bei Sonnenschein lädt sich diese ja von alleine auf. Alle Kabel für meine elektrischen Geräte hatte ich in einer Gefriertüte verpackt. Alles paletti! Ich fühlte mich gestern so stark und kontrolliert. Ich hatte alles im Griff. Vorfreude ist die schönste Freude!

Nach den ersten vier Kaffee und fünf Zigaretten, beobachtete ich immer noch die Bindfäden. Es war bereits zehn Uhr und ich konnte mich definitiv nicht loseisen. War es die blöde Raucherei? Ich hatte mir vorgenommen auf meiner Reise ins Allgäu mit dem Rauchen aufzuhören. Tatsächlich musste ich mir eingestehen, dass der Gedanke ohne Zigarette in Zukunft, im Moment keine Option für mich war. Und ohne Kaffee ging erst recht nicht! „Morgen soll es nicht mehr regnen!“ schnattere mein Mann. „Aber es soll noch kalt sein!! Vielleicht überlegst du dir das noch mit deiner verrückten Idee! Das Wetter wird bis zur nächsten Woche eh nicht besser!“ Er hatte alles voll im Blick.

Während mich das schlechte Gewissen beschlich, trudelten einige WhatsApps ein: Bist du schon losgefahren? /Viel Glück und gute Reise. /Du kannst stolz auf dich sein! Ich würde mich das nicht trauen. /Bist du bei diesem Sauwetter losgefahren? / Pass auf dich auf! /Du musst unbedingt erzählen, wenn du zurückkommst! / Schick mir Bilder! /Du schaffst das!/  Meine „Werbetrommel“ schlug zurück. Ich war sauer. Auf mich selbst. Elf Uhr. Viel zu spät zum Losfahren. Ich machte mich auf in die Küche, schaltete mein Musikbox ein und fing an die Küche zu putzen. Bei Hausarbeit, in meinen Augen eine stupide und monotone Arbeit, spielten die Synapsen in meinem Kopf oft verrückt. In diesem Augenblick noch mehr als sonst. Ich hatte von mir die schlechteste Meinung aller Zeiten! Ich zerfloss in Selbstmitleid. Um auf diesen Tag noch ein Sahnehäubchen zu setzen, hörte ich mir nur Songs an, die mein Herz und meine Seele zerrissen. Ich schwelgte mit der Musik in meine ach so schreckliche Vergangenheit und meine heutige Looser-Situation. Da waren dann so Liedchen relevant wie: Ich wünsch mir Liebe ohne Leiden von U. Jürgens, Verlierer von Luna, Slipping through my fingers von Abba, Regenbogenfarben von Ott und so weiter… Ich heulte Rotz und Wasser und habe mich nicht getraut Irgendjemanden auf WhatsApp zu antworten.

Nachmittags setzte ich mich vor die Klotze und zog mir irgendwelche Serien rein. Nichts wahrnehmend. Ich war nicht gefahren. Und mein Mann konnte mir gestohlen bleiben! Schließlich war ich wegen ihm zu Hause geblieben und wegen dem schrecklichen Wetter natürlich auch!

Der 2te August – Ortenburg-Sammarei-Haarbach-Gröngörgen-Kroißen-Egglham-Bad Birnbach

Um halb sieben wurde ich wach. Total blau. Ich versuchte die letzten blauen Seifenreste aus meinem Haar zu ziehen und nahm benommen wahr, dass ich einen furchtbar verschobenen Traum hatte. Blau!? Schläfrig und noch von gestern betäubt, schälte ich mich aus meinem Bett. Mit dem ersten Kaffee und einer leckeren Frühstückszigarette, kehrte Leben in meinen Körper zurück. Wie immer, wenn ich meine Träume behalten konnte, schaute ich auf meiner Lieblingsseite www.traum-deutung.de nach, was mir die Nächte zu erzählen hatten. Mit dem heutigen Kopfkino hatte ich schon so eine klitzekleine Ahnung…… Die Farbe Blau ist ein Symbol für Ruhe und Frieden, konnte ich auf meinem Handy lesen. „Ah, ich hab´s doch gewußt! Ich brauche Ruhe und meinen Seelenfrieden!“ Ich las weiter. Im realen Leben hätte ich mir anscheinend ein persönliches Ziel gesetzt und einen Weg gefunden, diesen mit meinem Glauben zu erreichen. Ich würde mich in positiver Weise weiterentwickeln! Weiterentwickeln! Die Erklärung für „Seife“ wollte ich gar nicht mehr wissen. Mein Entschluss, die vorbereitete Reise anzutreten, stand mit diesen gelesenen Zeilen bombenfest!

Ich fahre! Heute. Jetzt. Sofort. Tschakka!!!

„Das Wetter soll heute ganz gruselig werden!“ schnatterte mein Mann aus der Küche. „Die haben heute Regenschauer und Unwetter gemeldet! Außerdem soll es auch noch hageln!“ Für mein Mann war der heutige Entschluss ein Drama. Hatte er doch gehofft, dass ich die Tour generell ablasen würde. Er fühlte sich gestern bestätigt, als ich mit hängenden Ohren zu Hause blieb. „Ich fahre!“ gab ich als Antwort und grinste ihn siegessicher an. Er sollte auf keinen Fall aus der Situation, die ihm nicht behagte, als Sieger hervorgehen.

Voller Tatendrang inspizierte ich noch einmal meine Kiste. Ich drehte mein Gepäck erneut von rechts nach links und von oben nach unten. Hatte ich wirklich alles Notwendige gepackt? Ich hatte ein gutes Gefühl. Mein Handy befestigte ich an meinem neuen Handyhalter. Die Powerbank platzierte ich auf der schwarzen Kistenabdeckung. Sie sollte ja die Sonnenstrahlen in sich aufsaugen, um mir immerwährenden Saft für mein Navi zu produzieren. Allerdings sprach das Wetter an diesem Morgen eine andere Sprache. Der Himmel war wolkenverhangen und die Temperatur fühlte sich nach 12 Grad an. Keine Sonne in Sicht. Zur Vorsicht klopfte ich kurz mit den Fingerspitzen auf unser Hygrometer. Ein Erbstück meiner Schwiegereltern. So richtig verlässlich war dieses alte Ding draußen an der Wand eh nicht mehr. Also schenkte ich der Aussage 90 % Luftfeuchtigkeit nur 10 % Glauben. Meinem Mann wurde es ganz mulmig. Er realisierte gerade als ich meinen Friesennerz überzog, mir die wasserfesten Schuhe anzog, zwei Flaschen Wasser in die Hand nahm und sämtliche, wichtigen Unterlagen in den Fahrradtaschen verteilte, dass er mich nicht mehr aufhalten konnte. Er half mir noch das Fahrrad aus dem Carport herauszuschieben, testete das fünfte Mal die Bremse und das Licht. Passt. Er war so fürsorglich. Irgendwie tat er mir gerade richtig leid! Aber: Nein! Ich ließ mein Herz nicht erweichen, schob das Mitleid zur Seite und war bereit für alle Schandtaten dieser Welt!

Dann ging alles ganz schnell: Abschiedsküsschen. Umarmung. Aufs Fahrrad schwingen. Winken.

Mit Sausegeschwindigkeit rollte ich „unseren“ Berg hinab. Ich schaute nicht mehr zurück, konnte aber die Blicke meines Mannes noch ziemlich lange im Rücken spüren. Nach der Kurve hatte ich das Gefühl vergessen und flog mit 25 km/h in Ortenburg auf dem gepflasterten Marktplatz ein. Ich fuhr rappelnd durch „unser“ Städtchen, beobachtete das rege Treiben der Bürger an diesem Morgen und bewunderte mit verklärtem Blick „unsere“ bunte Häuserfassaden. Die verschiedenen Farben der Häuser, beschrieben vor ein paar hundert Jahren das Gewerk seines Besitzers. Ich bog rechts in die Straße ein, auf der unser ortsansässiger Fahrradhändler seinen Betrieb hatte. Der erste Stopp nach fünf Minuten. Im Laden entschied ich mich für eine kleine, handliche Luftpumpe und ein rosafarbenes Zahlenschloss. „Du musst das Rad richtig abschließen! Sonst klaut dir das noch einer.“ warnte mich mein Schatz. Da war ich anderer Meinung. Wer um Himmels Willen sollte meine Kiste klauen wollen? Derjenige der mit diesem Teil herumfuhr wurde bekannt wie ein bunter Hund. Damit war ein „unauffälliges“ Entwenden völlig ausgeschlossen. Außerdem hatte ich vor einigen Wochen Aufkleber besorgt. Darauf stand plakativ verklebt „Magie der Poesie“. Meine persönliche Werbung. Meine Kiste. Basta.

Weiter ging´s. Keine drei Minuten später der nächste Halt. Tankstelle Ortenburg. Es war halb zehn und bei mir meldete sich „mein kleiner Hunger“. Die belegten Brötchen in der Auslage lachten mich an und ich entschied mich für zwei richtig dick belegte Semmel mit Schinken, Käse und Tomate. Ich bin zwar kein Frühstücker, aber ich konnte mir schon ausrechnen, dass ich aufgrund der Strampelei Riesen-Hunger bekommen würde. Der Gedanke, dass ich noch eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug kaufen könnte, schob ich wehmütig zur Seite. Schließlich hatte ich mir ganz fest vorgenommen, nie wieder zu rauchen. Freiheit und Abenteuer konnte ich auf meiner Tour erlangen. Ich bin so stark!

Mit einem Klick stellte ich vor der Tankstelle noch kurz die Komoot-App ein. War doch gar nicht so schwer. Manchmal muss man einfach nur auf den richtigen Augenblick warten. Der Richtungspfeil des Navis zeigte nach rechts. Ich musste die St 2119 überqueren, um auf den Fahrradweg zu kommen. Eine große und vielbefahrene Straße. Mir gegenüber stand ein Rennradfahrer, der mich ausgiebig musterte. Als ich über die Kreuzung fahren konnte, blieb er stehen. „Hallo, darf ich sie mal etwas fragen?“ Ich bremste, hielt an und lächelte ihm bejahend entgegen. „Ich möchte mir auch ein Lastenfahrrad zulegen. Ist dieses Fabrikat ok?“ „Das kann ich ihnen noch gar nicht sagen,“ antwortete ich. „Ich habe erst 30 km auf meinem Display. Wenn ich meine Reise von Ortenburg nach Lindau hinter mir habe, kann ich ihnen mehr dazu sagen.“ Der Blick meines Gegenübers sprach Bände. In seinem Gesicht machten sich Fragezeichen breit. Und ein Ausdruck, den ich nicht deuten konnte „Na, dann. Viel Spaß und viel Erfolg,“ schob er mir noch hinterher, als er sich schleunigst aus dem Staub machte. Meine Adresse oder eine Visitenkarte wollte er leider nicht haben. Selbst schuld.

Schloß Ortenburg

Das erste grüne „Fahrradschildchen“, das an einem Laternenpfosten befestigt war, kam mir nach 50 m entgegen. Ah, da geht´s lang. In schwarzen Lettern las ich 80 m weiter den Ortsnamen „Sammarei“ – 7 km. Rechtsrum. Da wollte ich hin! In diesem Moment ebnete sich die Sonne den Weg durch die Wolken. Ich schaute nach oben und war zufrieden. Die Wolken wurden langsam puschelig, die Sonne versprühte Wärme. Es konnte los gehen. Auf meiner Papierkarte las ich, dass ich mich auf dem „Apfelradweg“ befand. Ich nahm Fahrt auf, trat kräftig in die Pedale und spielte auf der zwanglosen Geraden mit meinem Akku-Display und meiner Gangschaltung herum. Ich merkte ganz schnell, wie cool es ist ohne Kraft zu treten, das Display auf 4 oder 5 zu stellen und im „Leerlauf“ 14 km/h zu fahren. Huiii! Ich genoss die Natur. Der Weg war von alten Apfelbäumen gesäumt. Deshalb „Apfelradweg“. Die Felder standen in voller Pracht. Saftig und grün. Das Getreide glänzte golden. Der Mais schmückte sich schon mit braunem Pinsel. Die Sonnenblumen leuchteten. Die Schwalben flogen millimeternah über die Erde. Meine Mutter kam früher immer mit so alten Bauernweisheiten daher: „Wenn die Schwalben tief fliegen, gibt es schlechtes Wetter!“ Sie wuchs als Kind auf einem Bauernhof in der Nähe von Bad Mergentheim auf. Eigentlich hätte sie wissen müssen, dass Baden-Württemberg nichts mit Bayern zu tun hat. Schließlich tuckerte ich mittlerweile durch das herrlichste Wetter. Auch Mütter haben nicht immer recht. Ich zog meine Regenjacke aus und schmiss diese während der Fahrt auf meine Kiste. Meine Powerbank blinkte regelmäßig. Sie lud. Passt. Ich hatte alles im Blick. Auch die Libelle, die mich rund drei Kilometer begleitete. Ich fühlte mich wie eine Fee.

Nach einer dreiviertel Stunde hatte ich Sammarei erreicht. Total gechillt und superstolz auf mich, dass ich die erste Etappe so schnell hinter mich gebracht hatte.

Die Wallfahrtskirche von Sammarei ist meine Lieblingskirche. Mein Mann und ich unternahmen vor zwei Jahren eine Sightseeing-Tour mit dem Auto. Und sahen von weitem die „Zwiebel“ dieser Kirche. Der Ort lag auf dem Heimweg nach Ortenburg. „Komm, lass uns die Kirche mal richtig anschauen!“ Diese spontane Idee war von meinem Bauchgefühlt geprägt. Ich wollte unbedingt in diese Kirche. „Da muss ich ja einen Parkplatz suchen!?“ kam vom Beifahrer zurück. „Jepp.“ Mein Mann, eher weniger begeistert, fand trotzdem einen Parkplatz und wir stiegen aus. Mich überkam damals eine ganz eigenartige Melancholie. Wir spazierten an einen gusseisernen Brunnen vorbei. Ein Baum mit Früchten ist das Symbol des Brunnens. Vor der Pforte der Kirche hatten sich einige Pilger versammelt und warteten auf eine Führung, die ein ehrenamtliches Mitglied der Gemeinde Haarbach übernahm. Kirchen haben für mich etwas sehr Spirituelles. Gedanken bekommen Raum. Die Stille und der Hall lassen den Körper in eine warme „Starre“ verfallen. Warten, beten, fühlen. All das läßt mich „die Zeit“ unwichtig erscheinen. Hektik und Stress haben hier keine Lobby mehr. Die biblischen Geschichten, die mit Pinsel und Farben an den Decken und an den Wänden verewigt sind, inspirieren mich die Wahrheit und das Gute zu leben.

Wir durften die Führung mitmachen. Eine willkommene Abwechslung. Die Termine zur Führung sind nämlich festgelegt. Also hatten wir damals wahnsinniges Glück. Termintechnisch. Und auch sonst. In der „Holzkirche“ saßen mein Mann und ich händchenhaltend auf der Kirchenbank der kleinen „Holzkapelle“ und hörten dem Mentor aufrichtig zu. Das was er zu erzählen hatte, ging tief ins Herz und in die Seele. Mein Innerstes, und das vergesse ich nie, schrie nach Verzeihung und Vergebung. Mein Schatz und ich weinten. Nicht nur das, wir schluchzten und bekamen uns fast nicht mehr ein. Unsere Hände waren miteinander verankert. Unsere Zuneigung und unsere Liebe wurde uns in diesem Moment wieder zurückgegeben. Wir beide wussten von da an, dass wir die Zukunft weiterhin miteinander teilen wollten, egal welche Querelen von Außen auf uns einprallen würden. Wir lieben uns.

Für mich war dieser erste Besuch meiner Reise in „meiner“ Kirche sehr wichtig. Die Kraft, die von diesem Ort ausging, war von diesem Augenblick, mein Weg und mein Ziel.

„Meine“ Kirche

Ich ging noch kurz eine Runde, ließ mich von den positiven Eindrücken inspirieren und schwang mich dann auf meinen Lastenesel Richtung Haarbach.

Nach Sammarei wehte mir Addelgeruch in die Nase. Es war tatsächlich schon wieder Güllezeit. Gewöhnungsbedürftig. Der Herbst naht. Zeitweise löste dieser Geruch einen leichten Würgereiz bei mir aus. Es erinnerte mich so ein bisschen an die Kackwurst unseres Hundes Paul, die er vor einem Jahr in die Kiste gelegt hatte. Ich ließ mich nicht davon irritieren. Der Mensch gewöhnt sich an alles! Das weiß ich aus der Stadt. Schließlich hatte ich viel zu lange dort gelebt. Und dort stinkt es für mich wirklich! Nicht zwei Mal im Jahr, sondern täglich. Meine Augen nahmen auf diesem Weg das wahr, was wirklich Wichtig war. Ruhe, die man sehen konnte! Kein Auto, kein Mensch und keine Hektik. Meine Strecke war gesäumt von Feldern, Apfelbäumen und Sonnenblumenfeldern und anscheinend unbewohnten Höfen. Die Vögel zwitscherten, die Grillen spielten ihre Symphonie. Die Getreidefelder waren für mich eine Augenweide. Sie waren umsäumt von kleinen Streifen „Wildblumen“. Extra für unsere Zukunft. Den Bienen. Ich war so begeistert von der Vielfalt der Blumen und Felder, dass ich kaum bemerkte, wie ich nach Haarbach gekommen war. Die Strecke hatte mich nicht wirklich strapaziert. Es war alles so easy. Und entspannt.

 

Quittenbaum-Brunnen

Ich stand an der Kreuzung mitten in Haarbach. Rechts ging´s den Berg hoch. Links nach Bad Griesbach und geradeaus nach Bad Birnbach. Eigentlich ging es auch rechts „hoch“ nach Bad Birnbach. Den Stress mit dem Berg, wollte ich mir aber auf keinen Fall antun. Also entschied ich mich für geradeaus. Der nächste Ort sollte Kroißen sein. Komoot hatte sich auch dafür entschieden und zeigte mir zuverlässig die blaue Linie, die auf meinem Navi-Handy erschien. Supi. Es würde nur geradeaus gehen. Wenn ich so weiterfuhr, würde ich schon um 14.00 Uhr in Bad Birnbach eintrudeln. Mein Magen gluckste. Freu! (Und immer noch: Vorfreude ist die schönste Freude)

Weiter nach Kroißen. Die nächste Etappe.

Tatsächlich hatte ich den Hügel, der sich nach einer zarten Kurve auftat nicht registriert. Auf meinem Navi konnte ich nichts erkennen. Keine Erhöhung. Meine Schaltung an der rechten Seite des Lenkers krachte ungeheuerlich, als ich „runter“ schalten wollte. Die Kette reihte sich ungeschmeidig auf das Zahnrad. Das Geräusch kannte ich von früher, als ich noch ein Kind war und die unendlichen Hügel im Allgäu hoch und runterfuhr. Das hieß für mich: Runterschalten, treten, Geräusch ignorieren, noch mal treten, krachen lassen, ganz viel treten, Berg oben. Den Strom, der durch die Betätigung des Displays auf der linken Seite eingestellt wurde, drückte ich mit meinem linken Daumen mehrmals hektisch auf das Pluszeichen. Eine 8 stand auf dem Display. Volle Energie. Volle Unterstützung! Mehr Auswahl hatte ich nicht.

Ich strampelte wie eine Verrückte. Der Motor bremste! Ähhh? Mist. Bremse ziehn, arretieren. Anhalten! Absteigen!

Was war das denn?

Keine Ahnung! Es musste an mir liegen! Hatte ich nicht genug gestrampelt? Schließlich war ich ziemlich ungeübt. Mein Alter kam mir in den Sinn. Irgendwie logisch, dass man ungeübt und in meinem Alter so eine lächerliche Kuppe nicht bezwingen konnte. Nein! Ich konnte wahrscheinlich nicht richtig schalten? Das hatte ich ja auch nicht geübt. What else?! Das letzte Drittel schob ich meine Kiste, mit viel Kraft auf die Höhe. Puh! Geschafft. Das nächste Mal würde mir so etwas nicht mehr passieren. Schließlich hatte ich jetzt meine Erfahrung gemacht.

Weiter ging´s. Berg runter. Logisch. Wenn es den Berg hoch geht, geht es den Berg auch wieder runter.

Huihhiii! Wind wehte mir ins Gesicht. Schön! Aber kalt. Ohne strampeln ist Radfahren genial. Sich einfach treiben lassen. Mich fröstelte es enorm. Ich hatte nicht bemerkt, dass sich hinter mir schwarze Wolken aufbauten und die Sonne, die mich bisher wärmte, verdeckte. Auf einer Geraden hielt ich an und zog mir wieder meinen Friesennerz über. Der „Fahrradweg“ führte über eine menschenleere Landstraße. Rechts und links Felder, Blumen, Mais, Getreide. Auf der Strecke kam mir ein Traktor entgegen, der auf seinem Hänger gerollte Heuballen transportierte. In grüner Folie eingeschweißt. Bis heute weiß ich nicht, was die Folie für ein Sinn hat. Mir ist auch noch nie jemand begegnet, der mir die Frage hätte beantworten können. Der Traktor nahm fast die ganze Breite der Straße ein. Es gibt tatsächlich Landwirtschaftliche Geräte, die die Größe eines kleinen Einfamilienhauses haben. Um diesem Ungetüm auszuweichen, fuhr ich erschrocken rechts zu Seite und kam auf einer Grasnarbe zu stehen. Fünf Millimeter weiter rechts und ich wäre in einem tiefen Gebüsch gelandet. Glück gehabt.

Es fing an zu regnen. Keine kleinen Tröpfchen, sondern Regentropfen. Solche, die mit Wucht auf die Erde klatschen und in null Komma nichts Straßen nass aussehen lassen. Ich bog in einen Feldweg ein, der sich gerade so aufgetan hatte. Welch ein Segen! Ich parkte meine behäbige Kiste auf diesem schiefen Weg. Der Regen prasselte auf mich nieder. Mensch, was mach ich denn jetzt? Ah! Mir kam eine Idee. Ich zog flux die Abdeckung zur Seite und verschob meine Utensilien von hinten nach vorne. Am hinteren Teil befindet sich ein kleines Sitzbänkchen, das eigentlich für Kinder gedacht ist. Sicherheitsgurte inclusive. Mein Fahrrad ist ja ein holländisches Mulittalent. Für Kinder und für Hunde geeignet! Ich stieg in die Kiste, kroch in Richtung Sitzbänkchen, drehte mich um, setzte mich auf das Brett und zog die Abdeckung meiner Kiste über mich. Trocken. Ich grinste zufrieden. Hatte ich doch schon wieder eine geniale Idee gehabt! Neben mir lag der Regenschirm, den mir mein Mann noch auf dem letzten Drücker aus unserem Auto geholt hatte. „Den brauchst Du bestimmt. Oder willst Du die ganze Zeit ohne Schirm in irgendeiner Stadt rumlaufen?“ Eigentlich fand ich den Schirm doof. Er passte beim Einräumen nur schräg in mein Transportteil. Auf der anderen Seite war es mir völlig egal, ob ein Schirm noch zusätzlich in meiner Kiste lag. Ich hatte ja genug Platz.

Ich wartete und wartete. Bis vierzehn Uhr würde ich es wohl kaum bis nach Bad Birnbach schaffen. Egal. Ich hatte alle Zeit der Welt.

Nach einer halben Stunde war der Regenschauer vorbei. In dieser Zeit hatte ich mein erstes Brötchen auf gemümmelt und einen halben Liter Wasser getrunken. Mein Sohn hielt mich über Whatsapp dazu an, mindestens drei Liter am Tag zu trinken. Den Gefallen tat ich ihm. Und mir auch. Ich merkte nämlich ziemlich schnell, dass der Körper nach Wasser lechzte, wenn man sich körperlich betätigte. An eine Zigarette hatte ich bis dato noch nicht gedacht. Cool.

Im Hintergrund brummelte der Himmel. Irgendwo musste es ein Gewitter gegeben haben. Mich hatte nur der Regen gestreift. Ich machte mein Fahrrad wieder startklar Richtung Haarbach. Keine 200 m weiter, blinzelte mich ein Hinweisschild an. Darauf stand: Grongörgen Wallfahrskirche. Och, dachte ich, da mach ich doch mal einen kleinen Schlenker nach links und just in diesem Moment befand ich mich auf einer Rappelstrecke Richtung Grongörgen. Zu der Kirche sollten es nur zwei Kilometer sein. Mir kam es vor wie eine kleine Weltreise. Schlaglöcher, Kuhlen und Kies schüttelten meinen Kisteninhalt durcheinander. Meine Powerbank, die ich nach dem Regen, wieder auf die Abdeckung legte, plumpste auf den Kies. Anhalten, aufheben, aufsitzen, weiterfahren. Vorsichtig. Mittlerweile hatte sich die Sonne wieder durch die Wolken geschält. Mir wurde warm. Bevor es mir richtig heiß wurde, hatte ich mein Ziel erreicht.

Die Wallfahrtskirche Grongörgen baute sich wie Goliath vor mir auf. Stocksteif. Ein Koloss. Zur optischen Bereicherung meinerseits fehlte das Zwiebeltürmchen. Aber das Drumherum gefiel mir sehr. Ich parkte meine Kiste in einem winzig kleinen Waldstückchen vor der Kirche. Nahm meine Kamera in die Hand und fotografierte erst einmal das Umfeld. Sehr schön restaurierte und renovierte Nebengebäude stehen neben diesem heiligen Ort. Eine kleine „Kapelle“ mit einem Baum im Vordergrund, lassen die Linse schnappen. Ah, ein uralter Kaugummi-Automat! Toll! Ich erinnerte mich an Früher. Damals verschleuderten wir Kinder unsere Zehnerle, die wir als Taschengeld erhielten, an diese bunten Automaten. Zehn Pfennig waren damals gold wert. Ich hörte das Klackern der plumpsenden Kaugummis und das Metallgeräusch der Klappe, wenn wir die bunten Kugeln aus der „Höhle“ nahmen. Musik in meinen Ohren. Ein Lächeln in meinem Gesicht. Kind sein war Damals ein Traum!

Wallfahrtskirche Grongörgen

Der Spaziergang um das Grundstück hatte mich wieder um einige Fotos bereichert. Nach der Aufnahme des Kaugummiautomaten war ich glücklich und wollte weiter radeln. Doch was sah ich denn da? Der Automat war an einer Mauer befestigt, die bei genauerem Hinsehen einen „alten Hof“ preisgab. Das ganze Gebäude war umwachsen mit Brombeeren, Unkraut, Schlingpflanzen und jungen Bäumen. Den Eingang des Hauses konnte man eher erahnen als sehen. Eine uralte Holztür. Daneben zwei vergitterte Fenster, die ihre Glasscheiben noch vermuten ließen. Je näher ich mich den Fenstern näherte, um so muffiger roch es. Ich liebe muffigen Duft. Erdig. Alt. Feucht. Lost Place! Yeah!

Eigentlich bin ich ein „Alträucher“. Ich liebe alte Gebäude, antike Schränke, uralte Schüsseln und verrostete Zäune. Es gab eine Zeit, da machte ich es mir zum Hobby in „Lost Places“ einzusteigen. Ich habe dabei nie fotografiert. Meist passierte es, wenn ich mit dem Auto von A nach B tuckerte und ich den Blick auf die Landschaft fokussierte. Ich entdeckte aus dem Bauch raus viele einsame Gebäude. In Niederbayern gibt es eine Menge verlassener Höfe. Leider. Aber gut für mich. Es war abenteuerlich. Es kribbelte immer unter der Kopfhaut, wenn ich vor einer alten, knarzigen Tür stand. Ich hatte außerdem Angst erwischt zu werden. Eine explosive Mischung. Oftmals fragte ich mich, warum die Menschen ihr Inventar im Haus gelassen hatten. Dort standen alte Küchenschränke, Buffets, Kommoden, Betten, Uhren, Unterlagen und Geschirr. War ihnen das nichts mehr wert gewesen? Ich schaute mir die Dinge an, nahm sie in die Hand und hätte die Gegenstände gern mitgenommen. Meine Erziehung verbot mir das. Wer klaut, kommt ins Gefängnis. Und da wollte ich auf keinen Fall hin!

70iger Jahre?

Mit meinem „langen“ Näschen erschnupperte ich das „Innenleben“ des alten Hofes neben der Wallfahrtskirche Grongörgen. Ein Kuhstall? Oder ein Schweinestall? Jedenfalls Gewölbe mit ausgelutschten Steingut-Fressnäpfen. Teilweise war die Decke aus Holz und die Sparren gaben zusätzliches Licht frei. Das Stroh hatte sich den Weg geebnet und hing mit uralten Spinnenweben vereint, vom Dachboden herab.  Ein heilloses Durcheinander. Und doch eine Geschichte vergangener Zeiten. Ich hielt meine Kamera durch das Gitter und fotografierte diesen „Augenblick“. Durch das zweite Fenster erblickte ich eine Zeitreise. Ein Fiaker mit aufgestelltem Dach stand einsam mitten in diesem Stall. Wunderschön! Verstaubt. Ich konnte es nicht fassen. „Wer hat dich denn so lieblos hier abgestellt und vergessen?“ Ich war drauf und dran, den Besitzer aufzusuchen und zu fragen, ob er mir diese verwaiste Droschke verkaufen würde. In meiner Vision existierte diese jetzt in voller Pracht, natürlich restauriert, vor meinen Augen. Inklusive Pferde, die ich schon eingespannt hatte. Ich musste unweigerlich an Wien denken. Mein Vater hatte mir mit meinem 18ten Geburtstag einen langgehegten Wunsch erfüllt. Eine Stadttour durch Wien in einem Fiaker. Ein nie vergessenes Geschenk. Danke Papa!

 

Kapelle versteckt

Wieviel Uhr war es eigentlich? 13.30 Uhr. Ups?! Durch den Regenschauer und meiner „Zeitreise“ schob ich die Zeit nach hinten und gab mir noch zwei Stunden bis nach Bad Birnbach.

Mein Navi führte mich zurück auf die Landstraße. Der blaue Pfeil zeigte nach rechts. Also bog ich nach rechts ab. Nach zwei gemütlichen Kilometern, das Akku hatte mich zuverlässig unterstützt, schlug das Ortsschild „Haarbach“ ein wie ein Blitz. Scheiße! Falsche Richtung! Das Navi hatte mich tatsächlich auf die „andere“ Route gelotst. Die mit dem Berg! Nö. Zum zweiten Mal beschloss ich, dass ich den Berg nicht hochstrampeln wollte und machte eine Kehrtwendung. Richtung Kroißen. Noch einmal vorbei an meinem verregneten Rastplatz und an Grongörgen. Ziemlich flott erreichte ich die Kreuzung, die mir die Richtung nach links durch Kroißen zeigte. Ein großes Baustellenschild stand auf der Straße. Anlieger frei bis zur Baustelle. Und ein weiteres Schild war auf dem Kopf der Kreuzung aufgestellt. Umleitung Bad Birnbach. Diese Strecke führte nach rechts.

Natürlich ignorierte ich die Baustelle und auch den Hinweis der Umleitung zu meinem heutigen Zielort. „Mit einem Fahrrad kommt man doch überall durch,“ dachte ich und fuhr beschwingt in die Ortschaft Kroißen. Von vorherigen Autotouren wusste ich, dass Kroißen im „Aufbau“ war. Mein Mann und ich fuhren oft durch dieses Dorf. Mit viel Liebe und Gespür für den Erhalt von Traditionen, wurden die Höfe und Häuser seit Jahren in Kleinstarbeit, mit Geduld und Wissen restauriert. In unregelmäßigen Abständen informierten wir uns über den „Verlauf“ des Dörfchens. Wunderschön! Ich bewundere die Menschen, die für diese Art „Zukunft“ ein Herz haben. Und Geld.

Stopp! Ein gelbes Ungeheuer von Bagger versperrte mir den Weg! Die Straße war ein Krater! Tief. Ohne Asphalt. Meine Augen versuchten ein „Schlupfloch“ zu erspähen, durch das ich mich durchquetschen konnte. Kein Ausweg in Sicht. Zwei Rennradfahrer stießen zu mir und drehten kurzerhand um. Ich versuchte immer noch eine „Brücke“ oder einen „Tunnel“ ausfindig zu machen, damit ich keinen Umweg in Kauf nehmen musste.  Keine Chance. Ich drehte mit meiner Kiste auf der Ortsstraße von Kroißen, um doch „kleinlaut“ in Richtung Umleitung zu radeln.

Ich fuhr das zweite Mal an dem „Umleitungs-Hinweis“ vorbei und folgte diesem geradeaus Richtung Bad Birnbach. In der Ferne sah ich die zwei Rennradfahrer, die schleunigst an der Baustelle gedreht hatten. Hier, an dieser Stelle, konnte ich gut gucken. Weites Land mit kleinen Hügeln und geschlängelten Wegen. Herrlich. Ach, wieso in die Ferne schweifen? Das Gute liegt doch so nah! Welch ein wunderschönes Fleckchen Erde! Ich seufzte entspannt. Schön, dass ich hier in der Nähe wohne! Locker strampelte ich den Teerweg entlang, schmiss mein Akku an und ließ mich im „Leerlauf“ treiben.

Schon von weitem baute sich der Hügel vor mir auf! Au weia! Die zwei Radrennfahrer konnte ich gerade noch über die Kuppe hinüberwuppen sehen. Dann waren sie weg. Bis grade hatte ich mich noch in guter Gesellschaft gefühlt. Aber jetzt fühlte ich eine leise Einsamkeit. Die Landstraße menschenleer. Kein Zwitschern, kein Rauschen. Irgendwie fühlte ich mich wie der einzige Mensch auf dieser Welt. Wo seid ihr alle? Ihr Menschen und Tiere? Ich näherte mich unaufhörlich diesen großen Hügel. Mittlerweile konnte ich das Ausmaß virtuell erfassen. Ich schaltete runter. Mit den Daumen auf der rechten Seite, um einen leichteren Gang für die Zahnräder und meine Waden zu erreichen. Es krachte. Und dann tippte ich hysterisch mit dem Daumen auf der linken Seite herum, um den Akku zu steuern. Es krachte noch einmal. Und dann strampelte ich. Wie verrückt, mit Widerstand des Motors, um mein Leben. Sofort merkte ich, dass ich nicht so viel Kraft aufwenden und nicht so fix schalten konnte, um auch nur ansatzweise 10 % des Berges mit meiner Kiste zu schaffen. Was um Himmels Willen, hätte ich an Kraft aufwenden müssen? Warum stoppte mich der Motor?

Bremsen, Bremse arretieren, absteigen, nach oben schauen. Wie hoch ist der Berg?

Ein Dreihunderter und kein Schnee in Sicht! Oh Gott! Ich stieg vom Fahrrad. Ich stand betröppelt mit arretierter Bremse neben meinem Gefährt am Berg. Die Bremse hielt. Olà, mit dieser Situation hatte ich nicht gerechnet. Lösung?!…Am Berg auf das festgestellte Fahrrad steigen und alles auf null stellen? Gut. Diese wunderbare Idee wurde zeitnah umgesetzt: Ich hob mein Poppes vom Sattel, umgriff den Lenker mit aller Kraft und drückte mein ganzes Gewicht auf eins der beiden Pedale. 60 kg. Das müsste doch klappen?! Nichts. Ich konnte mit meinem Gewicht und mit meiner Kraft nichts bewegen. Im Gegenteil. Die Pedale schlugen mir gegen mein Schienbein und ich rutschte mit meiner Fahrrad-Kiste ein paar Millimeter rückwärts. Ruckartig zog ich die Bremse. Arretieren. Stöhnen. Absteigen. Scheiiiiiiiisse!!!! Was wurde das, wenn ich fertig war???

Ich schob. Ich schob dieses schwere Ungetüm ächzend und mit all meiner vorhandenen Kraft 1 km den Berg hinauf. Meine Oberarme und Handgelenke schmerzten. Das Dagegenhalten und das Drücken hinterließen Spuren.  Morgen würde ich einen Muskelkater haben. Das stand fest. Auf der Hälfte der Strecke fing es an zu regnen. Bindfäden. Jetzt hatten sich sogar die Schwalben aus dem Staub gemacht. Ein Pkw überholte mich. Wasserstaub flog auf und durchnässte meine Hose. Egal. Zwischenzeitlich hatte ich mir ein System überlegt, welches mich vor der totalen Erschöpfung retten sollte: 1,2,3 Schritte. Bremsen. Stopp. Warten. Bis 20 zählen. 1,2,3 Schritte. Bremsen. Stopp. Warten. Bis 20 zählen. Ich bugsierte meine Kiste immer weiter drei Schritte nach oben. Arretierte die Bremse. Wartete zwanzig Sekunden um wieder Luft zu bekommen. Würde diese Aktion meine Raucherlunge überleben? Das Gefühl, dass ein riesiger Felsen auf meinen Bronchien lastete, begleitete mich den ganzen Berg. Ich konnte nicht wirklich tief durchschnaufen. Meine Waden fingen „Feuer“. Sie brannten. Aua!! Ich löste die Bremse und ging wieder ein Stück weiter. Die Schmerzen ignorierte ich erfolgreich. Schließlich hatte mich der liebe Gott mit einem Schalter im Kopf ausgestattet, der in der Vergangenheit bisher gut funktioniert hatte. Schmerzen wegdenken!! Der Regen war nass. Sehr nass. Meine Haare hingen in die Brille und kitzelten mich auf der Wange. Ich merkte, wie meine Jacke langsam von Innen feucht wurde. Meine Kiste war mit dem Überzug sehr gut geschützt. Das war die Hauptsache.

Mein Handy, hatte ich mit einer FFP2-Maske überstülpt. Damit es nicht nass wurde. Zwar konnte ich den berühmten blauen Pfeil des Navis nicht mehr sehen, aber es war einigermaßen wasserdicht. Die Strecke führte eh nur gerade aus. Mist. Genau in meinem 123-Schritt-Modus klingelte das Handy. Bremse ziehen, arretieren, stehen bleiben. „Mein Herz“ stand auf dem Display. Ich flutschte den grünen Hörer nach oben: „Hallo, mein Schatz!“ empfing ich ihn und legte ein Lächeln auf, damit er nicht auf die Idee kam, dass es mir gerade nicht so recht war, dass er anrief. „Wo bist Du????“ plärrte er mir entgegen. „Zehn Kilometer vor Bad Birnbach,“ antwortete ich. „Ich suche Dich!!! Ich fahre seit einer Stunde hier rum und finde Dich nicht!!!“ Er hörte und fühlte sich mehr als gereizt an. „Ja, ich habe mich verfranzt, weil ich eine Umleitung fahren musste!“ antwortete ich knapp. „Hier ist ein tierisches Unwetter!! Hagelkörner, so groß wie Pingpong-Bälle! Ganz Birnbach ist weiß!“ spuckte er mir ins Ohr. „Hier ist nichts. Es regnet nur ein bisschen.“ gab ich ihm irritiert zurück. Ich schaute zur Seite. In weiter Ferne konnte ich tiefschwarze Wolken sehen, die nichts Gutes verheißen konnten. „Also bis jetzt regnet es nur ein paar Tröpfchen.“ beruhigte ich ihn. Schließlich sollte er sich keine Sorgen machen. „Sollen wir uns gleich in Bad Birnbach treffen? Dann können wir noch ein Bierchen trinken? fragte er ziemlich geschmeidig. Ob es ihm leidtat, dass er mich so angepflaumt hatte? „Ok.“ antwortete ich. „Ich bin ungefähr in einer Stunde am Campingplatz“. „Passt. Bis gleich.“ er war erleichtert, das hörte ich. Puh.

Es war bereits 16.00 Uhr als ich den Berg bezwungen hatte und ich on Top stand. Ich war durch. Körperlich und mental. Aber der Regen hatte aufgehört. Hoffentlich holten die Wolken mich nicht ein. Auf Unwetter hatte ich in diesem Moment keinen Bock.

Unwetter in der Ferne

Auf der anderen Seite ging es den Hügel hinunter. Mit 25 km/h. Huih!!! Fahrtwind streichelte mein Gesicht. Das hatte ich mir verdient! Herrlich! Die Strapaze war in diesem Augenblick völlig vergessen. Ich genoss meine Schnelligkeit und konnte die Landschaft um mich herum wieder entspannt wahrnehmen. Hügel, Hügel, Hügel, Wälder und Wiesen. Schön saftig und grün. Dieses Jahr gab es viel Regen. Auf einer Geraden sprang mir das gelbe Hinweisschild „Egglham“ entgegen. Linksrum. Und wie kam ich nach Bad Birnbach? Kein Schild weit und breit. Auf meiner Papier-Landkarte konnte ich eruieren welch einen großen Schlenker ich gefahren war. Ein Umweg der Sonderklasse! Mir blieb nichts anderes übrig, als mich durch Egglham zu quälen. Ein Städtchen mit kleinen bunten Häuschen und einer entspannten Einkaufsstraße. Ich war viel zu zielorientiert, um mich dieser Stadt zu widmen. Mitten auf der einzigen Kreuzung von Egglham, endlich meine Rettung! Bad Birnbach 7 km. Das würde ich in einer dreiviertel Stunde schaffen. Cool.

Letztendlich turtelte ich um 18.30 Uhr völlig fertig in Bad Birnbach ein. Die Schwalben im Tiefflug und sonniges Wetter hatten mich die letzten Kilometer begleitet. Die reizvolle Natur konnte ich nicht mehr wahrnehmen, geschweige denn genießen. Zwei Hügel hatte ich noch mit meiner Kiste bezwungen!! Meine Kraft war am Ende! Meine Schmerzen fühlte ich in jedem meiner Knochen. Hatte ich das Fahrrad zu vollgeladen? Wieso kam ich nicht mit der Gangschaltung und dem Akku-Teil klar? Was machte ich nur falsch? Lag es an meiner minimalen Kondition oder an meiner nicht vorhandenen Kraft? Ich war pikiert und enttäuscht. Und wütend. Sollte mein Mann doch recht gehabt haben? Nicht, dass mir was passieren könnte… Daran glaubte ich einfach nicht. Aber, dass ich die Reise bis ins Allgäu nicht schaffen würde, daran glaubte ich in diesem Moment.

Wo ist Bad Birnbach

Mein Schatz wartete schon sehnsüchtig am Eingang des Campingplatzes Arterhof in „Lengham“. Er strahlte, als er mich sah. So als hätten wir uns monatelang nicht gesehen. Und ich freute mich tatsächlich auch. Mein Herzchen hüpfte ein bisschen in mir. Ein wohliges Gefühl überkam mich. Er nahm mich in den Arm. Kuschelig warm fühlte er sich an. Sein Geruch stieg in meine Nase. Ich liebe seinen Geruch. „Magst mit nach Hause kommen?“ hauchte er mir ins Ohr. Ich drehte mich aus seiner Umarmung und spie ihm trotzig mein „Lieblingswort“ entgegen. „Nein!!“

Die Rezeption hatte noch offen. Bis 19.00 Uhr. Welch ein Glück. Wir fragten nach einem Ein-Mann-Zeltplatz. „Oh, das wird schwierig. Eigentlich sind wir voll.“ Meine Ohren fingen an zu summen. Mich fröstelte es ein wenig. Der Gedanke wieder nach Hause zu fahren, behagte mir gar nicht. „Aber ein kleiner Platz wird doch noch frei sein?!“ hakte ich ungeschmeidig hinterher. „Wir haben in der gesamten Republik Ferien und hier in unserer Gegend, sind wir völlig ausgebucht“ klärte die Rezeptionistin uns auf. „Und halt wegen Corona“. Sie tippte noch ein bisschen auf der Tastatur ihres Computers herum. „Sind sie mit dem Pkw unterwegs?“ „Nein, mit dem Fahrrad. Mit einem L a s t e n f a h r r a d!!“ antwortete meine bessere Hälfte. Hörte ich unterschwellig einen Vorwurf? Bevor ich darüber nachdenken konnte, sprach die Dame weiter. „Ah, da habe ich tatsächlich noch was! Eine kleine Nische. Nr. 229. Ganz hinten links.“ Yeah! Ich freute mich wie ein Schnitzel. Und mein Mann erst. Sie legte mir den Stellplatzplan auf die Theke und skizzierte mit rotem Edding ein Kreuz auf die 229. Mein Zeltplatz war gesichert. Ich würde nicht „wild“ campen. Ich bin ein Glückskind! Die Unterlagen wurden ausgefüllt. Ein Chip lag schon für mich bereit. „Sind sie geimpft?“ fragte sie mich.  „Ja.“ „Dann brauche ich bitte noch ihren Impfausweis.“

Es war zum Haareraufen. Scheiß Corona!!

Seit fast zwei Jahren traktierte uns diese Pandemie. Mundschutz war die eine Sache. Lockdown, Homeoffice und das Tauziehen der Politiker und Professoren eine andere. Wir hatten uns für das Impfen entschieden. Um Andere und uns zu schützen. Nicht zuletzt, damit mein Mann auch wieder Auslandsreisen antreten konnte, die für seinen Job zwingend notwendig waren. Das Homeoffice hatte uns zermürbt. Unsere Kinder saßen gelangweilt und unausgeglichen zu Hause. Anfangs war es spannend. Anfangs. Nach sechs Wochen ließ die Motivation nach. Irgendwann erwischte ich die beiden Kids nur noch beim Chatten. Wie sollte ich die Kinder dazu animieren, diese ver-rückte Zeit lerntechnisch ernst zu nehmen? Ich war ja selbst total unproduktiv! Kein Ausflug war möglich. Kein Kinobesuch. Keine Partys. Kein Shoppen. Das hechten nach Kloopapier, der einzig lustige Zeitvertreib. Die Stories, die nach dem Einkaufen erzählt wurden, waren die Highlights des Tages. Die Menschen draußen tickten doch nicht mehr ganz richtig! Aggressionen und Depressionen machten sich breit. Unsere Beziehung wurde in dieser Zeit auf eine harte Probe gestellt. War es bei unseren Freunden, Bekannten und Nachbarn auch so? Funkstille. Es war zermürbend. Anstrengend. Oftmals nicht auszuhalten. Diskussionen. Streitgespräche. Verschiedene Meinungen. Daraus entstand Zank in der ganzen Familie. Wir verloren durch unsere „eigene Meinung“ langjährige Freunde. Mit vernünftigem Denken versuchte ich realistisch zu bleiben. Als Krankenschwester. Vor über 30 Jahren machte ich meine Ausbildung in HIV-Zeiten. Ich hatte eine andere Sichtweise. Meine Erfahrung. Dabei finde ich querdenken gar nicht mal so übel. Es kommt halt immer darauf an, in welche Richtung man denkt. Ich versuchte, die Corona-Zeit so gut gelaunt wie möglich zu überbrücken. Tief durchatmen. Hecheln. An etwas Schönes Denken…. Meine Familie fing an, mich nicht mehr ernst zu nehmen. Selbst bei all dem Optimismus, den ich in dieser schwarzen Zeit zu versprühen versuchte, eckte ich wie immer an. Ich brauchte Urlaub! Und zwar schnell.

„Hab ich nicht dabei!“ schleuderte ich der Dame entgegen. Ich war über mich selbst erschrocken. Hatte ich doch an alles gedacht. Nur halt nicht an meinen Impfausweis! Ich schaute meinen Mann fragend an. „Ich fahre grad nach Hause und hole dir den Ausweis, Schatz.“ Mein Mann hatte DIE LÖSUNG parat. Wie nett! „Ich muss Pippi!“

Tatsächlich musste ich ziemlich dringend auf die Toilette. Eigenartigerweise hatte ich trotz zwei Liter Wasser, die ganze Zeit nicht Pipi machen müssen. „Wo bitte ist die Toilette?“ „Gleich da vorne links über den Biergarten“, lotste mich die Dame. „Bin gleich wieder da!“ rief ich. Mittlerweile war es so dringend, dass ich schon Tränen in den Augen hatte und vom Kopf her das „Aufhalten“ kaum steuern konnte. Ich rannte. Den Vorraum der Toilette hatte ich schnell erreicht. Rechts oder links? Welche Tür war jetzt fürs Männlein und welche für´s Weiblein? Es war so klar, dass ich in meiner Not die falsche Tür aufdrückte! Eine Reihe Pissoires kamen mir entgegen. Männlein. F***. Hysterisch drehte ich mich um und stürzte in die Damentoilette. Eine Herztür, durch die man durch ein offenes „Herzchen“ schauen konnte, prangerte mir entgegen. Egal. Ich stieß die Tür auf. Zum Glück hatte ich eine Hose mit Gummizug an. Runter damit, umdrehen, Popo übers Loch halten und „laufen“ lassen. Wow!! Ahhh! Puhh! Was konnte es Entspannteres geben, als nach diesem Druck einfach alles laufen lassen zu können! Meine verzerrten Gesichtszüge ordneten sich wieder zu einem normalen Gesichtsausdruck.

Im stehen?!

 

Ah, die Toilette konnte man doch von Innen verriegeln! Wie niedlich! Ein Pfahl mit Herzchen am Ende, konnte in einer Nut der Tür eingeschoben werden. Das Herz legte sich automatisch vor das Herzchen-Loch und versperrte so außerdem die Sicht in die Toilette. So konnte keiner mehr reinschauen. Sehr clever. Ich sortierte mich, wusch mir die Hände und schaute mich um. Toiletten sind immer das „Aushängeschild“ eines Gasthauses. Diese Toilette samt Vorraum war der Knaller! Unglaublich sauber. Traditionell geschickt und mit viel Liebe zum Detail war dieser Raum ausgestattet. Dieser Campingplatz konnte nur ein Familienunternehmen sein. Alte „Bettpfannen“ aus E-Mail wurden als Klobürsten-Set umfunktioniert. Das Handwaschbecken ein alter Steingut-Topf. Der Wasserhahn, sehr modern, fügte sich ohne Widerworte in dieses Interior ein. Ein uraltes, ausgedientes Sprossenfenster wurde mit Spiegelglas versehen und dient als Spiegel. Wunderschön! Herzig. Da machte man gern Pipi. Ich ging aus der Toilette. Ein alter Ofen stand zur Begrüßung im Flur. Ein „Männlein“ und ein „Weiblein“ aus Ton zeigten den Weg zur Toilette. Sie standen in Augenhöhe auf einem Sockel. Boarisch. Unter meinem „Druck“ hatte ich die zwei Figuren erfolgreich ignoriert. Umso schöner kamen sie mir jetzt vor. Bunt bemalt in Gestalt eines Bayerischen Landsmannes in Lederhosen, stehend pinkelnd und einer Bayerischen Landsmännin im Dirndl mit dem Zeigefinger den Weg zur Damentoilette weisend.

Und hier, genau hier auf diesem Campingplatz, wollte ich bleiben! Heute. Mit oder ohne Impfpass!

Erlöst, entspannt und zwei Liter leichter hechtete ich zurück zur Rezeption. Ich lächelte. Hatte ich doch die Zeit auf dem Klo gebührend genossen. Auf dem Weg überlegte ich noch schnell, wie ich jetzt meinem Mann beibringen könnte, tatsächlich nach Hause zu fahren, um meinen Impfpass zu holen. Schließlich hatte er es ja angeboten.

Mein Schatz lächelte mich liebevoll an, als ich wieder neben ihm an der Rezeption stand. „Ich kann den Impfausweis auch morgen vorbeibringen. Du kannst heute Nacht hier schlafen.“ Die Dame hinter der Theke nickte zustimmend. Sie händigte mir den Chip aus, drückte mir den Plan in die Hand und wünschte mir einen schönen Aufenthalt. „Äh, und wo kann ich den Akku aufladen?“ fragte ich verstört. Mein Akku war leer. Auf dem Display hatte er die Zahl 20 % angezeigt. Den Berg runter wurde mir das nicht wirklich gewahr. Da brauchte ich keinen Strom. Aber als die letzten 20 % dauernd blinkten, schwante mir was. Wieviel Kilometer konnte er noch durchhalten? Am Campingplatz hatte ich das Geblinke total vergessen. Ich war ja angekommen. Mit 20%igen Akku. Oder weniger? „Sie können Strom an Ihrem Platz bekommen.“ Sie zeigte mir auf dem Stellplatz-Plan, wo der nächste Stromkasten stand. „Und wie soll ich da drankommen? Der Kasten steht ja 50 m von meinem Platz entfernt!“ „Sie brauchen ein Verlängerungskabel“, klärte mich die Dame auf. „Das können Sie dann bis dahin ausrollen und ihren Akku wieder aufladen“. Hilfe!!!! Langsam bekam ich Schnappatmung.

Mein Mann hatte keinen Bock mehr. Das merkte ich, als er total entnervt sagte: „Ich fahr jetzt nach Hause, hol dir die Kabeltrommel und den Impfausweis und dann ist gut!“ „Was ist dann gut? Gar nichts ist gut! Du bleibst jetzt hier, wir trinken ein Bierchen und dann fahr ich morgen ohne Akku weiter. Irgendwo werde ich schon eine Möglichkeit finden Strom abzuzapfen. Und den Ausweis bringste direkt mit!“ Ich war bockig. Wie immer.

„Was haben sie denn für ein Akku?“, kam hinter der Theke die zaghafte, aber erlösende Frage. „Man muss es nur an eine normale Steckdose stecken“, gab ich zur Antwort. „Ok. Dann könnten sie ihr Akku auch hier bei mir aufladen. Ich bin morgen früh um acht wieder im Büro. Ab dann könnten sie es auch wieder abholen.“ Was hatte ich denn für eine Sonne??? Ich wusste, dass diese Trophäe meinem Schatz zuzuschreiben war. Er hatte die Dame an der Rezeption, während ich auf der Toilette verweilte, glatt um den Finger gewickelt. Logisch. Ich war mir der Ausstrahlung meines Göttergatten, bei den Mädels, sehr wohl bewusst.

Der Akku hing im Rezeptions-Büro an der Steckdose. Mein Mann und ich schoben meine Kiste über den Campingplatz zu meinem Zeltplatz. Überall standen in Reih und Glied Wohnwagen aus Nordrhein-Westfalen, aus dem Norden, aus Augsburg und Umgebung, Rheinlandpfalz, Dresden und dem Allgäu. Mit Hund, Katz und kleinen Mäusen. Kinder. Ein reges und trotzdem entspanntes Treiben. Ruhig. Gechillt. Manche betrachteten uns interessiert und folgten uns mit den Augen aus der Distanz heraus. Die meisten lächelten und grüßten uns. Hier wird noch das „Hallo“ und „Grüß Gott“ zelebriert. Schließlich sind wir hier in Bayern. Ich fühlte mich heimisch. Fünf Minuten später standen wir auf meiner Schlafstätte. Drei mal Drei Meter. Mehr als genug. „So! Und jetzt bau mal dein Zelt auf!“ Mit rumkommandieren habe ich es nicht so. Also schnatterte ich: „Nö. Das mache ich, wenn wir beide uns ein schönes Bierchen gegönnt haben.“ Die Nachbarn beobachteten uns. „Das ist ja ein tolles Fahrrad!“ bekam ich vom Nachbarn rechtsseitig zu hören. „Ist da alles drin, was sie brauchen?“ „Ja, da ist alles drin. Alles. Und noch viel mehr!“ Ich lächelte stolz meine Nachbarn an. Auf viel Konversation hatte ich gerade keine Lust und kam deshalb direkt zum Punkt. „Könnten wir meine Kiste hier für eine Stunde einfach so stehen lassen? Und sie werfen ein Auge drauf? Ich wollte mit meinem Mann gern noch im Biergarten ein Bierchen zum Abschied trinken.“ Die Erklärung war wichtig, da ich sonst befürchtete, dass das Pärchen nicht auf meinen Deal einging. „Hier kommt nichts weg! Wir passen auf.“ Das Pärchen nickte uns aufmunternd zu. „Viel Spaß.“ „Danke.“ Das ging ziemlich unkompliziert. Passt. Camper sind halt die Coolsten.

Wir spazierten Hand in Hand wieder zurück Richtung Rezeption. Dort befand sich der wunderschöne Biergarten, den ich vorher im Augenwinkel inspiziert hatte. Die Sonne strahlte vom Himmel und es war warm genug, um es sich Draußen gemütlich zu machen. Ein großer Platz lädt zur Geselligkeit ein. Bierbänke in Blau und Weiß eingedeckt. Die Bayrischen Farben. Ein einladender Pavillon für Regentage. Der Brunnen plätschert sonor. Das Ambiente wird mit Torbögen und alten Gemäuern, die restauriert sind, traditionell unterstrichen. Einladende Werbung, ohne das Gesamtbild zu verderben, verspricht einen unvergessenen Abend beim Arterhof in Bad Birnbach . Kleine „Lädchen“ laden zum Shoppen ein. Und zum Entspannen. Hier ist man „Dahoam“. Perfekt. Das Restaurant und der Biergarten sind nicht nur den Camping-Gästen vorenthalten. Auch Einheimische besuchen dieses Gasthaus gern und sind herzlich willkommen.

Der Biergarten lädt Alle ein.

Das frisch gezapfte Bier stand vor uns. Ein Weizen mit gigantischer Schaumkrone. Mmhh! In diesem Moment passte alles. Mein Mann himmelte mich an, das Bier lachte mich an und die Sonne strahlte mich an. „Ich glaub´, ich bleib hier,“ offenbarte ich zum Scherz. „Ja???“ Die Augen meines Mannes blitzten auf. „Die nächsten zwei Stunden.“ antwortete ich. Der Schalk in meinem Nacken grinste hämisch. Enttäuscht nuckelte mein Schatz am Bier. Er kannte meine „blöden“ Scherze. „T´ja, ich muss dann auch gleich los. Die Hunde und Katzen brauchen Futti.“ versicherte er mir pikiert. „Hast du eine Zigarette für mich?“ „Ich denk du wolltest nicht mehr rauchen?“ „Nur heute Abend noch. Es ist grad so schön.“ Er streckte mir die Schachtel entgegen. Genussvoll steckte ich mir den Glimmstängel an. Atmete tief durch. Schloss die Augen. Heiliger Schlabimbam! Lässig nahm ich den zweiten Zug. Mein Gott, was für ein großartiger, ausklingender Abend. Kein Zwicken, kein Zwacken. Mir tat nichts weh. Ich hätte schwören können, dass mich der Muskelkater erwischt. Genauso vermittelte ich das auch meinem Schatz. „Na, warte mal ab!“ Typisch Pessi. Päh! Wenn es mir heute nach 46 km so gut ging, konnte zukünftig nichts mehr schief gehen. Ich bin halt die geborene Sportskanone! Und der Weg nach Lindau schreit geradezu nach mir!

Der Abschied war kühl. Ich war nach dem Bierchen echt schlapp. Hatte aber noch unfassbaren Hunger. Mein Schatz würde morgen ja wieder kommen, und mir den Impfausweis bringen. Also, war für mich klar: Drücken, Bussi, Knuddeln, Tschüss. Ich winkte ihm hinterher bis sein Auto ein kleiner, schwarzer Stecknadelkopf war. Ein bisschen Traurigkeit steckte in meinen Knochen. Ich schob dieses Gefühl zu Seite, drehte mich um, lief zielgesteuert auf „unseren“ verlassenen Tisch zu, der noch nicht abgeräumt war und studierte mit Kinnwasser die Speisekarte. Ich bestellte ein zweites Weizen und ein „Wiener Schnitzel“. Mann, hatte ich einen Kohldampf! Das Schnitzel schmeckte unglaublich gut. Der Teller war zackzack leer gefuttert. Sogar die Garnitur hatte ich verspeist. Ich konnte mich nicht erinnern in den letzten Jahren so einen Hunger gehabt zu haben. Entspannt und satt lehnte ich mich zurück. Ich ließ den Tag noch kurz Revue passieren. Ich war so stolz auf mich! Als ich gezahlt hatte, lief ich schnurstracks zu meiner Kiste. Jetzt musste ich nur noch mein Zelt aufbauen, die Matratze aufpusten, die Satteltaschen ins Zelt holen, meinen Jogginganzug anziehen, mein Tagebuch schreiben, auf Whatsapp den Status eingeben, Duschen, Zähne putzen und mich in den Schlafsack mümmeln.

Ich war einfach nur hundemüde. Meine Nachbarn hatten wie Adler auf mein Lastenfahrrad aufgepasst. Es stand noch da, wie vor zwei Stunden. Geparkt. Waise. Nicht geklaut. Ich bedankte mich mit einem Lächeln.

Das Zelt hatte ich in Nullkommanix aufgebaut. Den Aufbau hatte ich ja Zuhause auf unserer Terrasse geübt. Die Heringe steckte ich durch die Ösen in den aufgeweichten Boden. Nach dem Unwetter war Bad Birnbach ziemlich matschig. Für die Waben-Matratze brauchte ich mehr als 15 Luftzüge. Aber trotzdem lag diese nachher aufgebläht auf dem Boden des Zeltes. Die geschenkte Isomatte lag darunter. Der Schlafsack wartete auf mich. Meine Fahrradtaschen legte ich auch ins Zelt, damit ich mir, ohne fremde Blicke, den Schlafanzug anziehen konnte. Ich zog mir dicke Strümpfe über die Füße. Ich fror. Im Hintergrund bauten sich schwarze Wolken auf. Mir wurde mulmig zumute. „Da kommt aber noch ein Wetterchen.“ warf ich den Nachbarn aus Freiburg ungefragt entgegen. Diese saßen noch recht entspannt im Kerzenlicht vor ihrem Wohnwagen. „Desch kon net sei. Mei Saddelid secht, dass des Wedder an uns vorbeiziecht.“ Ich lächelte freundlich. „Dein Wort in Gottes Ohren“, dachte ich.

Auf Zähne putzen und duschen hatte ich so gar keinen Bock mehr. Den Status für Whatsapp hatte ich schnell erledigt. Fotos hochladen. Kleiner Spruch. Fertig. Danach mümmelte ich mich in meinen Schlafsack und schrieb noch ein paar Zeilen in mein Tagebuch. Bei Licht. An der Decke des Zeltes hing eine Batterie-Lampe, die mir mein Schatz noch untergejubelt hatte. Eigentlich wollte ich diese nicht mitnehmen. „Für was brauch ich diesen Tinef denn?“, hatte ich ihn gefragt? „Damit mich die Wölfe im Wald entdecken und mich auffressen?“ fragte ich spitz. „Wolltest du nicht noch dein Tagebuch schreiben? Es wird ja jetzt schon ziemlich schnell dunkel.“ klärte er mich auf. Er hatte recht. Und ich war ihm in diesem Augenblick sehr dankbar.

In weiter Ferne brummelte es. Irgendwo machte sich ein Gewitter breit. Dieses schien auf den Satelliten des Nachbarn keine Rücksicht zu nehmen. Nach und nach wurde das Donnern immer lauter. Es fing an zu regnen. Der Wind fing an, mein Zelt auf die Probe zu stellen und zerrte an meinen Heringen. Mist. Ich hatte ein bisschen Angst. Ich rutschte noch etwas tiefer in meinen Schlafsack, stülpte mir das Kapuzenteil über meinen Kopf, schloss meine Augen und war weg.

Als ich mich am Morgen aus meinem Zelt schälte, fror ich bitterlich. Unterschwellig hatte ich die ganze Nacht die Kälte gespürt. Ich war definitiv nicht ausgeschlafen.

Die Erde dampfte. Nebelschwaden zogen über die Felder und Wälder. In der Ferne verzogen sich die dunkelblauen Wolken. Ein trister Morgen. „Guten Morgen! Gut geschlafen?“ Meine Nachbarn saßen schon an dem aufklappbaren Campingtisch und schlürften ihren leckeren Kaffee. „War ja scho a ganz schees Jewitterle, jeschtern Nacht.“ „Echt?“ fragte ich. „Ich habe gar nichts davon mitbekommen“. „Ja, dann hesch scho gud schlafe kenne!“ „Ich gehe mich grad mal duschen,“ erklärte ich meinen Nachbarn und schluffte schlaftrunken zu den Sanitären Anlagen. Rudelduschen. Das brauchte ich jetzt.

Mehr sauber geht nicht!

Mit dem Chip öffnete sich die Schiebetür. Meine Augenlider öffneten sich freiwillig einen Millimeter. Wow! Die ersten Camper spülten schon das Frühstücksgeschirr in den Spülnischen. Genau wie gestern auf der Toilette, war die „Spülhalle“ mit viele Liebe zum Detail geprägt. Die verschnörkelten Wegweisen führten mich in eine der äußerst sauberen Duschkabine incl. Waschbecken. Ich konnte unter das Dach schauen. Hell, freundlich und behindertengerecht. Genial. Wasser marsch! Heiß sprühte das Wasser auf meinen nackten Körper. Endlich durchzog mich eine wohlige Wärme. Ich war wach. Abtrocknen. Kämmen. Zähne putzen. Eincremen und dann frisch aufpoliert zum Zelt.

Das „Waschhaus“ hatte mich schwer beeindruckt. Ich ließ diese einladende sanitären Anlagen noch einmal vor meinen Auge tanzen. Hatte ich in der Vergangenheit doch schon ganz andere Campingplätze und deren „Waschplätze“ kennengelernt. Als Kind, das ist fast fünfzig Jahre her, in Bibione und als Mutter von fünf Kindern in der Normandie und der Toskana. Vor noch 15 Jahren fuhren wir mit unserer „Glocke“ über sechs Jahre lang mit mindestens fünf Kindern, zwei Hunden und zwei Erwachsenen durch die Landgeschichte. Oftmals nahmen wir noch die Tochter meiner Schwester mit. Camping war damals die einzige Möglichkeit so viel „Familie“ von A nach B zu chauffieren und Urlaub machen zu können. Alles andere war für uns als Großfamilie unerschwinglich. Mein Mann hatte eines Tages die Schnapsidee mit uns nach Spanien fliegen zu wollen und recherchierte im Internet nach Flügen für zwei Erwachsene und eine Handvoll Kinder. „Was ist das denn für ein Scheiß!!“ fluchend hatte er die Lust am Spanienurlaub verloren. „Hier kann man ja gerade mal drei Kinder anklicken!“ Er war gestresst. Jedes zusätzliche Kind hätte den Preis eines Erwachsenen gekostet. Unabhängig davon, konnte man höchstens drei Kinder in ein Internet-Formular eintragen. Waren wir die einzigen mit fünf Kindern in Deutschland? Die angezeigte Summe sprengte unser Budget. Summasumarum 20.000,00 Euro für zwei Wochen. Urlaub in Spanien mit der Familie. Zwei Sterne.

Ein Wohnwagen musste her! Mitten im tiefsten Winter machte sich mein Mann auf und fuhr von Bonn nach Freiburg. Um diese Jahreszeit waren die Wohnwagen preiswerter. Er hatte ein 7,20 m langes „Anhängsel“ gefunden. Da würden wir alle reinpassen. Meinte er und hatte recht. Seitdem fuhren wir mit dem Wohnwagen durch Süddeutschland, durch Italien und durch Frankreich. Wir, als Großfamilie, liebten diese Urlaube. Abenteuer pur. Entspannung. Die Kinder konnten machen, was sie wollten. Wir fühlten uns frei und ungezwungen. Für die Kids der absolute Traum. Die einzige Pflicht der Kinder bestand darin, dass die sie das Geschirr spülen mussten. Der Nachteil auf einem französischen Campingplatz zu Urlauben bestand darin, dass die sanitären Anlagen noch nicht „up to date“ waren. Unsere Kinder waren angeekelt. Sie machten einen riesen Zorres, wenn sie in das Loch, das da als Kakapipi-Grube vorgesehen war, ihr Geschäft verrichten sollten. Noch heute breche ich in schallendes Gelächter aus, wenn ich daran denke: „Nein!“, war harmlos. „Ich kacke da nicht rein“. Erträglich. Aber: „Da kommt eine Schlange raus und beißt mich in den Popo“, konnte ich nicht mehr auffangen. Die Story hatte sich unter allen Kindern auf dem ganzen Campingplatz herumgesprochen. Eine braune Schlange hat es sich im Klo gemütlich gemacht und den ganzen Tag nichts andres zu tun als den Kindern in den Po zu beißen. So die Story der „Internetkinder“. Das „Loch“ war oftmals in braunen Schattierungen besprenkelt und bedeutete auch für uns Erwachsene eine Überwindung. Einfach ekelig. Ich hätte einen Psychologen gebrauchen können, um das Trauma meiner Kinder wieder in die Reihe zu kriegen. Auch meine „Verdauungskünste“ ließen zu wünschen übrig. Die der restlichen aus Deutschland stammenden Campingbewohner auch.

Herzig geschmückt

Mein Zelt stand immer noch auf dem gleichen Fleck. Woher bekam ich jetzt meinen rituellen Kaffee? Ich steckte mir vor dem Zelt eine Zigarette an. Mein Mann hatte mir gestern Abend die halbvolle Schachtel vermacht. Ich war sparsam. Als hätten meine Synapsen Schwingungen ausgesendet kam die Frage der Nachbarin: „Hosch luscht uf an Kaffee?“ „Das ist aber lieb. Klar möchte ich einen Kaffee.“ Zwei Sekunden später hielt ich eine dampfende Tasse in der Hand, setzte mich auf mein Fahrrad und zog genüsslich an der zweiten „Morgenzigarette“. Ich hielt noch einen kleinen „Schmatz“ mit meinen Nachbarn. „Da hesch dir aba was vorgnomme mit dem Laschtefahrrädle“. „Das passt schon“, warf ich zurück. „Gestern die Fahrt war ja auch ganz easy. Ich habe noch nicht einmal Muskelkater.“ Tatsächlich ging es mir ausgesprochen gut. Ich packte langsam meine Habseligkeiten zusammen und machte mir nicht die Mühe das Zelt, den Schlafsack und die Matratze zusammenzurollen. Ich stopfte einfach alles ganz bequem in meine Kiste. Abdeckung drüber, Taschen auf den Gepäckträger geschnallt und Handy eingeklemmt. Los ging´s Richtung Rezeption, vorbei am Biergarten und den Tinyhäusern, die wie eine „Burg“ linksseitig standen. So könnte man auch mal durch die Länder ziehen. Ich bugsierte mich gedanklich in die nahe Zukunft und stellte mir eine Reise mit einen Zirkuswagen vor. Ich glaube, diese Tour nehme ich das nächste Jahr in Angriff!

An der Rezeption nahm ich meinen Akku dankend entgegen. Was für ein Service! Die Dame rechnete ab. „Mist“ Ich hatte meinem Mann noch keine WhatsApp geschrieben! Er wollte mir doch den Impfausweis bringen! Mein Handy zeigte 8.30 Uhr auf dem Display. Ups. Noch ziemlich früh. Ich entschuldigte mich für den nicht hergebrachten Ausweis. Dass mein Schatz mir gestern Abend noch eine Nachricht geschrieben hatte, erwähnte ich nicht. >>Ich finde deinen Ausweis nicht! Wo ist er? << „Ich glaube, mein Mann schläft noch. Kann er den Ausweis nachher vorbeibringen? Wir wohnen ja nur 30 km von hier.“ „Kein Problem“. In diesem Moment kam erlösend das WhatsApp-Foto mit dem Nachweis, dass ich zwei Mal geimpft war. Er hatte das Dokument in meiner Handtasche gefunden. Gott lob.

Tiny oder Zirkuswagen? Eine tolle Alternative

Fortsetzung 2te Kapitel „Meine Welt“…………………………..

 

 

 

 

 

 

 

 

So denke ich. So bin ich

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Will alles lesen 🎉🤔💪🐵

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